HBL
ÜberZahl – Die Zahlenkolumne: Das spannendste Titelrennen aller Zeiten

Zehn Spieltage vor dem Ende der Saison sind noch drei Mannschaften lediglich zwei oder weniger Minuspunkte hinter Tabellenführer Füchse Berlin. Eine so breite Spitze mit realistischen Titelchancen gab es in der DAIKIN HBL noch nie. In der neuen Ausgabe von „ÜberZahl“ analysiert Datenanalyst Julian Rux deshalb den historischen Kampf um die Meisterschaft.
Nur vier Mal wurde seit der Saison 1992/93, als die Liga erstmals aus 18 Teams bestand, das Team, das zehn Spieltage vor dem Ende der Saison an der Tabellenspitze stand, nicht deutscher Meister. Die größte Aufholjagd gelang dem THW Kiel 2009/10 sowie 2020/21, als sie jeweils zehn Spieltage vor Saisonende drei Punkte Rückstand auf den Tabellenführer HSV Handball bzw. SG Flensburg-Handewitt noch aufholten und Meister wurden. Kiel und Flensburg, die momentan fünf beziehungsweise sechs Punkte hinter den Füchsen liegen, würden also historisches erreichen, wenn sie sich doch noch den Titel holen.
Dass zehn Spieltage vor Ende der Abstand vom Tabellenführer zum Viertplatzierten lediglich zwei Minuspunkte beträgt, gab es hingegen in allen Spielzeiten mit mindestens 18 Teams in der Liga noch nie. Bestwert waren bisher vier Punkte, die 1999/2000 der SC Magdeburg hinter Tabellenführer Flensburg lag sowie 2013/14 der HSV Handball hinter Kiel.
Warum die Top-Teams so gut sind
Auch die fortgeschrittenen Statistiken zeigen, dass die aktuelle Saison an der Tabellenspitze extrem eng und auf extrem hohem Niveau abläuft. Den besten Blick darauf liefern Statistiken, die um die Anzahl der gespielten Ballbesitze bereinigt sind, da sie wesentlich aussagekräftiger sind als die reine Anzahl der Tore oder Gegentore.
Diese machen Mannschaften tatsächlich vergleichbar, denn die reine Anzahl der Tore wird nicht nur von der Wurfeffizienz, sondern auch von der Anzahl der Ballbesitze beeinflusst (ob eine Mannschaft und ihr Gegner eher schnell oder langsam spielen). Da ein Spiel im Durchschnitt etwa 50 Ballbesitze pro Team hat (53,1 in dieser Saison), werden die Werte hier auf der Grundlage von 50 Ballbesitzen berechnet, so dass sie in etwa die Werte eines Spiels widerspiegeln.
Dazu muss jedoch beachtet werden, dass diese Werte auch so noch nicht komplett fair vergleichbar sind, da nicht jedes Team bisher gegen die gleichen Gegner gespielt hat. Aber auch danach lassen sich diese Werte bereinigen. So kann für jedes Spiel und jede Mannschaft anhand der restlichen absolvierten Spiele ein Erwartungswert für (Gegen-)Tore pro 50 Ballbesitze berechnet werden. Die so genannte „Garbage Time“, in der das Spiel bereits entschieden ist, wird dabei herausgefiltert.
Die Mittelwerte der Differenzen zwischen den erwarteten und tatsächlichen Werten können dann zum ligaweiten Durchschnittswert addiert werden, um einen auf Gegnerstärke und Spielgeschwindigkeit angepassten Wert.
In der folgenden Grafik sind diese dargestellt. Je weiter rechts ein Team steht, desto besser ist es im Angriff, hat also bei gleichstarken Gegnern mehr Tore pro 50 Ballbesitze erzielt. Je weiter oben ein Team steht, desto besser ist es in der Verteidigung, hat also weniger Gegentore pro 50 Ballbesitze hinnehmen müssen.

Die beste Defensive stellt der THW Kiel, angeführt vom herausragenden Andreas Wolff im Tor, mit lediglich gegnerbereinigten 25,1 Gegentoren pro 50 Ballbesitze. In der Offensive sind sie mit gegnerbereinigten 28,1 Toren pro 50 Ballbesitze hingegen nur leicht besser als der Durchschnitt. Hinter dem THW stellt Melsungen die zweitbeste Verteidigung mit 25,6. Auf Rang drei folgen die Füchse mit 26,3, gefolgt von Flensburg mit 26,5.
Besonders die Plätze drei bis acht sind hier extrem eng beieinander. Die auf Platz sieben und acht liegenden Magdeburger und Hannoveraner kommen jeweils auf gegnerbereinigte 26,8 Gegentore pro 50 Ballbesitze. Magdeburgs Stärke liegt allerdings, wie in den vergangenen Jahren, im Angriff, wo sie mit gegnerbereinigten 30,9 Toren wieder einmal die magische Grenze von 30 brechen.
Tabellenführer Füchse Berlin kommt allerdings mit 31,1 auf einen noch besseren Wert. Mit einer Wurfquote von 70,4 Prozent ist das Team von Jaron Siewert außerdem auf dem Weg, nach dem SC Magdeburg in der vergangenen Saison, das zweite Team aller Zeiten zu werden, das über eine gesamte Saison in der DAIKIN HBL auf eine Wurfquote von über 70 Prozent kommt. Alle diese Zahlen sprechen – gemeinsam mit dem Platz an der Tabellenspitze – dafür, dass die Füchse die Favoriten auf den Gewinn der Meisterschaft sind.
Die MT Melsungen stellt mit 29,1 gegnerbereinigten Toren pro 50 Ballbesitze die viertbeste Offensive, während die TSV Hannover-Burgdorf hingegen auch im Angriff mit 28,9 nur auf Rang sieben liegt. Ein Zeichen, dass sie in diesem Bereich bisher "überperformt" haben.
Der restliche Spielplan
Der bereits erwähnte Fakt, dass nicht jedes Team bisher gegen gleichstarke Gegner gespielt hat, macht sich natürlich auch beim restlichen Spielplan bemerkbar. Manche Teams haben die härtesten Gegner schon hinter sich, andere treffen noch auf alle Teams von der Tabellenspitze. Um dies darzustellen wurden die durchschnittliche Anzahl der Punkte pro Spiel sowie die Differenz aus gegnerbereinigten Toren und Gegentoren pro 50 Ballbesitze der restlichen Gegner betrachtet.
Dabei fällt auf, dass Hannover je nach Metrik den schwersten beziehungsweise zweitschwersten restlichen Spielplan hat.

Den nach beiden Metriken leichtesten Restspielplan hat hingegen der SC Magdeburg. Es scheint also nicht unmöglich, dass sie nochmal ganz vorne angreifen. Allerdings hat auch die MT Melsungen ein nur unwesentlich schwereres Restprogramm. Sie liegen auf Platz drei beziehungsweise vier bei beiden Metriken.
Etwas härter ist das Restprogramm des Tabellenführers Füchse Berlin. Doch auch sie haben nur die zwölft- beziehungsweise zehntstärksten restlichen Gegner.
Mehr von Datenanalyst Julian Rux findet ihr auf Handballytics.de. Dort gibt seine neusten Artikel, in denen er aus neuen, datenbasierten Blickwinkeln alle möglichen Themen rund um den Handball analysiert. Ihr findet ihn auch auf Instagram, Bluesky, Threads und den WhatsApp-Kanälen.